Betritt man das Haus der Ausstellung und schleicht sich das Treppenhaus hoch, weil man erstmal das Gefühl hat falsch zu sein, begegnet man zuerst einer Videoprojektion. Dort wird ein Video abgespielt, das die Strasse des Sihlquai bzw. die dort agierenden leichten Damen mit einer Wärmekamera aufgenommen zeigt. Die Lust sich das anzuschauen vergeht recht schnell, da so viel ja nicht zu erkennen ist, aber für eine interessante Idee halte ich es trotzdem. Warum? Gute Frage! Sollten denn die Körper und die wärmen Stellen anders gelagert sein als bei anderen? Vielleicht weil es sich hier um Damen und Herren handelt, die sich dem sexuellen Gewerbe bedienen? Wahrscheinlich sonst würde es zumindest für mich keinen Sinn machen. Ich hab aber auch noch nie andere, „normale“ Leute mit einer Wärmekamera aufgenommen gesehen habe. Nun gut, mehr als zwei Minuten hab ich mir es auch nicht angesehen. Diese Videoarbeit ist übrigens Andy Storchenegger und nennt sich „Thermostrich“. Zu ihm selbst lässt sich auf Anhieb nicht viel finden im Internet, also bleibt es bei diesen spärlichen Infos.

Ein letztes halbes Stockwerk höher betritt man nun direkt die Ausstellung, damit meine ich, dass man wirklich sofort in dem Ausgestellten steht.
Das erste was man also sieht, ist ein Zimmer, auf den ersten Blick auf jugendlich und männlich getrimmt.


Ich finde es schon komisch, dass ich das Zimmer ohne es zu wissen sofort als ein männliches erkenne. Gut für die Künstlerinnen, denn das wollten sie. Laut Pressetext haben sie das Zimmer mit einem 14jährigen Mädchen und einem 16jährigen Jungen konzipert und er sollte dabei “möglichst originalgetreu wiedergegeben” werden.

Weiterhin sagen sie, dass “heranwachsende Männer mit noch viel mehr Vorurteilen konfrontiert” sind und werden “über die Medien zumeist als trink- und sexsüchtige Täter porträtiert”.
Mmh, sie werden mit Vorurteilen konfrontiert und als trink- und sexsüchtig porträtiert?
Ich weiss nicht ob man das auf dem einen Bild erkennen kann, aber dort liegt auf dem Boden eine Packung Ritalin. Ich denke, jeder weiss bescheid über dieses Zeug, wurde in letzter Zeit ja auch oft in Medien thematisiert. Dann kommt wohl noch hinzu, dass sie Tabletten süchtig sind. Ob ihnen das vielleicht das 14jährige Mädchen oder der 16jährige Junge gesteckt haben? Fraglich! Es finden sich natürlich auch Kondome im Zimmer, es ist unaufgeräumt, ein Liebesbrief eines Mädchens liegt auf dem Nachttisch, Reste einer Pizza liegen herum und auf dem Schreibtisch steht der aufgeklappte Laptop mit der YouTube-Seite offen.
Ich dachte eben auch das seien alles Vorurteile. Ich weiss aber auch die Intention der Künstlerinnen nicht: Wollten sie selbst mit diesen Vorurteilen und noch weiteren arbeiten und damit den sogenannten „boyroom“ ausgestalten oder war es Ihnen selber nicht bewusst, dass diese Vorurteile sich längst auch in ihre Köpfe und Arbeit eingeschlichen haben?
Mir ist bewusst, dass sie versucht haben ein typisches Zimmer darzustellen und das ist Ihnen ja auch gelungen, ich zumindest habe es ja sofort als solches erkannt. Es ist Ihnen auch gelungen in diesem Zimmer aufzuzeigen in welcher Welt Jugendliche leben, aber diese fand ich eben etwas übertrieben. Die Künstlerinnen finden, dass die heutige Jugend in Zeitungen oft als pervertiert, also laut Definitionen andersartig veranlagt und empfindend, dargestellt wird. Wenn ich mir das Zimmer anschaue, dann sind sie als typische Bewohner solcher Zimmer zumindest andersartig als ich in dem Alter.
Im direkt anschliessenden und offenen Raum sieht man einige Stangen, die zwischen Decke und Boden befestigt sind, zwei paar von der Decke hängende und sozusagen bekleidete Frauenbeine, zwei TV-Geräte, die das an der Eröffnung aufgenommenen Video der Performance in diesem Raum zeigen und ein Haufen Teddybären auf dem Boden.


Bei dem abgespielten Video handelt es sich wie gesagt, um die aufgenommene Performance an der Eröffnung. Dort haben sich zwei junge Damen zu der Musik von carmina burana und der Aufnahme kurz vor dem Finale bei der Castingshow musicstars, glaube ich, sagen wir mal rhytmisch um die Stangen bewegt. Was die Einspielung dieser Tonspuren angeht, weiss ich nicht genau bescheid. Ich weiss nur, dass es das musicstars Finale ist und es aber nicht bis zum echten Finale in der Show zu hören ist, sondern immer wieder von vorne beginnt.
Die beiden Frauen betreiben das „an der Stange tanzen“ privat als Sportart. Warum auch nicht, kann mir gut vorstellen, dass es allerhand Muskeln in Anspruch nimmt.
Und gefragt hab mich dann auch, ob manch einer das wohl als verwerflich ansieht, dass man so was heutzutage auch als Sportart betreiben kann, wo doch das „an der Stange tanzen“ aus der schmutzigen Ecke kommt? Ja, ich weiss das es aus dieser Ecke kommt und finde es nicht verwerflich! Was hat den Geld ausgeben in einem Fitnessclub für solch einen Kurs und dabei noch schwitzen noch mit der schmutzigen Ecke zu tun? Meiner Meinung nach, gar nichts. Soll doch jeder den Sport betreiben den er will, ganz egal welchen Hintergrund dieser besitzt, solange kein anderen zu Schaden kommt.
Zu einem richtigen Höhepunkt kam es in der Performance anscheinend nie, da ja immer nur die akkustische Aufnahme von musicstars kurz vor der Entscheidung zu hören ist, wer nun gewinnt. Doch am Ende der Performance setzen sich die Damen noch eine Discokugel auf dem Kopf.
Gefragt hab ich mich schon was das soll und sozusagen klar wurde es mir erst bei Nachfrage. Die Discokugel reflektiert ja nun mal Licht in das anwesende Publikum. Es bestrahlt oder bespritzt sie, wenn ich das richtig verstanden habe?
Die am Boden liegenden Teddys waren für das Publikum da, um sie auf die “Bühne” zu werfen, aber anscheinend fühlte sich keiner dazu aufgefordert.

Der dritte und letzte Teil umfasst eine Holzwand mit kleinen Löchern durch die verschiedene Handydisplays zu erkennen sind.

Dieser Raum hat mich ehrlich gesagt am wenigsten interessiert und ich konnte ihn auch nicht wirklich in Verbindung mit den anderen beiden bringen. Es sind Bilder, auf die die Künstler bei ihrer Recherche im Internet gestossen sind. Die Künstlerin selbst meinte, es sei erschreckend wie schnell man bei solchen Recherchen auf Kinderpornografie stosse. Die Bilder wurden von ihnen im gif-Format animiert, wie es in den Anfängen des Internets auch benutzt wurde. Möchte über den Raum aber eigentlich nichts weiter sagen, er hat mich eben nicht wirklich interessiert.

Auf YouTube bin ich noch, bei der Suche nach Infos zu dieser Ausstellung, fand ich eine Playlist namens Love is The Rhythm – Porn Is The Beat. Also eine Sammlung von den Dingen, die sie selbst bei ihrer Recherche im Internet begegnet sind.

Kommen wir nun mal dazu, wie das Ganze auf mich gewirkt hat. Eigentlich fand ich die Ausstellung, ausser den dritten Raum, recht verständlich. Das heisst ich könnte mir dabei ohne grosse Schwierigkeiten was aus den Fingern saugen, sozusagen eine bzw. meine Meinung dazu finden und mir auch Sachen erklären nach meiner Logik und meinem Verständnis. Aber im Gespräch mit der Künstlerin stellte sich doch heraus, das einige Dinge von Ihnen wohl anders gedacht waren als ich sie mir ausmalte. Das macht aber nichts, finde ich, jedem das seine! Den ich glaube, dass ich einen Teil den sie damit erreichen bzw. darstellen wollten auch in ihrem Sinne aufgenommen habe, ohne alles so deuten zu müssen, wie es eigentlich intendiert war.
Für mich bestand eine Verbindung der beiden ersten Räume miteinander, nicht nur raumtechnisch gesehen. Auf der einen Seite das jugendliche Zimmer mit der Möglichkeit sich jeder Zeit via Internet irgendwelche Sachen anzuschauen, die sonst einer Altersbeschränkung unterliegen wurden und auf der anderen Seite die medialinszenierte oder – begleitete Darbietung zweier leichtbekleideter Frauen, zum Greifen nahe. Die direkte Verbindung der beiden Räume bestand für mich auch aufgrund der Teddybären. Dort tanzen zwei junge Frauen auf der Bühne und es sollen Teddybären auf die Bühne geworfen als Ausdruck der Begeisterung. Ich bin 26Jahre und möchte gewiss keine Teddybären mehr geschenkt bekommen.
Aber vielleicht diese Jugendlichen die sich auf der Bühne, sei es bei irgendwelchen Castingshows oder sonstigen modernen TV-Formaten, auf der Bühne leicht bekleidet und aufgestylt einem Publikum darbieten, welches vielleicht auch mal ganz andere Interessen dabei hat als ihnen beim hübschen singen zu zuhören. Für mich hat das gezeigt, dass man gar nicht mehr lang suchen muss um seine Reize jeglicher Art zu befriedigen, es wird ja eh alles schon in Formaten angeboten, die jeden zugänglich sind und von keinem kontrolliert wird.
Dies war übrigens eine Ausstellung in der Stiftung Binz39 und die Abschlussausstellung der Stipendiatenzeit von Anet Hofer in Zusammenarbeit mit Brigitte Dätwyler und einer Videoarbeit von Andy Storchenegger.
Unter dem Motto „Kunst braucht Raum und Raum braucht Kunst“ stellt die Stiftung BINZ39 7 Ateliers für jeweils zwei Jahre jungen Künstlern und Künstlerinnen zur Verfügung. Damit soll das künstlerische Schaffen vor Ort gefördert werden. Der Ausstellungsraum an sich ist recht gross und alle Beteiligten zeigen dort früher oder später ihre Abschlussausstellung.