Marcus Coates-der moderne Schamane?

Marcus Coates, 1968 geboren, studierte Fine Art und nahm laut dem Frieze Magazine http://www.frieze.com/issue/article/focus_marcus_coates/ an einem Wochenend-Kurs teil, in dem er in die alten Methoden des Schamanismus eingeführt wurde.

Grund genug sich eine oder zwei seiner Performances in der Kunsthalle Zürich http://www.kunsthallezurich.ch/ anzuschauen.

Im dazugehörigen Pressetext wird seine Arbeit wie folgt beschrieben:
Er untersucht demnach in seinen Performances menschliche und soziale Fragestellungen und “führt quasi schamanistische Akte zur Beantwortung drängender Fragen in Performances durch, in denen er sich in Halb- oder Ganzkörpermaske in einen Dialog mit der Seinsform von Tieren versetzt und deren Stimmen wieder in unsere Sprache übersetzt”. Kurz gesagt, soll es sich bei seinen Performances um einen “Wissenstransfer von nicht-menschlichem zu menschlichem Bewusstsein” handeln.

Bei seiner ersten Performance gab es noch ein kurzes einführendes Gespräch mit ihm.

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Er erklärte, dass es darum geht ihm Fragen im vorhinein zu stellen, die man nicht mit ja oder nein beantworten kann. Diese wiederrum versucht er dann in seiner Performance zu beantworten. Nach dieser kleinen Unterhaltung ging es zurück in den Raum und er begann seine Performance. Zu seiner “Ausrüstung” gehörte unter anderem ein Laptop, einen Ansammlung von farbigen, länglichen Luftballons, ein Radio, ein Aufnahme- und Abspielgerät und ein Flipchart, auf dem die zu beantwortende Frage stand:

“What is hunger?”

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Zuerst begann er mit einem grossen Luftballon Töne zu machen, wie es jedes Kleinkind schon getan hat, und diese aufzunehmen und in einem Loop immer wieder abzuspielen. Nach einer Zeit schaltet er das Radio ein und lies es alles miteinander die ganze Performance lang laufen.

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Dann setzt er sich eine Augenmaske und bespuckt die auf dem Boden liegenden Luftballons mit Wasser.

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Damit beginnt seine Performance eigentlich erst richtig und er bleibt erstmal ruhig vor den Ballons stehen, wirkt dabei aber sehr konzentriert. Irgendwann fängt er an sich zu bewegen bzw. seine Gliedmassen zu lockern, wenn man so will. Kurze Zeit darauf bewegt er sich etwas durch den Raum und beginnt mehrmals auf seinen Fingern zu pfeifen. Mit einem leicht verstörten Lachen im Gesicht begibt er sich nun auf den Boden und sucht nach den Luftballons, die er wiederum erst findet nachdem man sie ihm zureicht. Im Nachhinein erklärt er dazu, dass er einfach die Orientierung verliert im Laufe seiner Performances.

Er fängt nun an diese zu verknoten, steht dabei wieder auf und setzt sich wieder um sich selbst sozusagen mit den Luftballons zu verknoten.

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Dabei gehen einige Luftballons kaputt und die Performance neigt sich dem Ende. Nach der Performance erklät Coates was er auf seiner “journey” erlebt hat. Er sei auf einer grünen Wiese gelaufen und irgendwann an eine Klippe geraten, auf der Vögel sassen. Laut Coates würden Vögel normalerweise an Küsten umherfliegen, um nach Nahrung zu suchen. Diese aber blieben sitzen, weil sie anscheinend nicht das Bedürfnis dazu hatten. Als er sich umdreht sieht er eine Art Steppe, wie er sie in Afrika etwa vermuten würde. Das Wesentliche an diesem Bild ist, dass er dort beobachten kann wie eine Giraffe gerade gebärt und sich das Neugeborene sofort auf die Suche nach den Muttermilch macht.

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Er versucht nun, das Gesehene oder sagen wir das Erlebte zu interpretieren und somit die Frage “What is hunger” zu beantworten.
Kurzes Fazit dazu ist, dass Hunger ein Teil von allen Lebewesen ist und nicht für sich alleine steht.
Seine Antwort bekommt die Person, welche die Frage gestellt hat, von ihm per Mail zugestellt.

Hätte ich nur die Performance gesehen, ohne mit ihm davor und danach gesprochen zu haben, hätte ich bestimmt grosse Mühe damit gehabt mir einen Reim daraus zu machen. Meiner Meinung benötigt es unbedingt die darauffolgende Auseinandersetzung mit dem Gesehenen, sonst bleibt es einfach nur eine Performance mit komischen Geräuschen und einem Typen der sich irgendwie zum Affen macht. Und genau diese Auseinandersetzung hat ihn mir und auch seine Art der “Kunst” sympathisch gemacht, woraufhin ich mir noch eine zweite Performance von ihm ein paar Tage später angeschaut habe.

Die Frage war diesmal:

“Does Travelling bring you real freedom?”

Diesmal war seine Ausrüstung leicht anders. Das einzige was gleich war, war der Radio, den er einspielt. Laut Coates benützt er immer andere Gegenstände für seine Performances und braucht eben keine Bestimmten dazu. Sie haben für ihn keine eigene Aussagekraft sondern sind einfach nur Werkzeuge.
Wieder wirkt er nach einer gewissen Zeit wie in Trance versetzt und begibt sich wieder auf seine “journey”. An dieser Stelle gehe ich nicht weiter darauf ein, was er diesmal erlebt hat, sondern möchte noch ein bisschen über sein Kunstverständnis und das Verständnis seiner Arbeit schreiben.

Coates sagt, er sei schon seit seiner frühesten Kindkeit an Tieren interessiert und sieht eine gewisse Verbindung zu diesen. Als Beispiel nennt er die Maus. Sie sei ja nun mal mehr Mensch als irgendetwas anderes. Seine Arbeit sieht er durchaus als “fundamental religious” an und sieht sie als eine Art Meditation an. Für ihn ist es wie “to create god out of yourselve” und “testing out his own trust in his imagination”. Dabei beansprucht er keineswegs Wahrheit für seine Arbeit.

Ob man seine Performance als Kunst betrachtet oder nicht interessiert ihn nicht. Es geht ihm vorallem um die Fragen, über diese soll nachgedacht werden. Und für ihn ist Kunst “the only structure in which he can work or do this”. Kunst in der Gesellschaft ist für ihn ein Luxus, aber er glaubt es braucht einen anderen Wert als diesen.

Seine “quasi schamanistische Akte zur Beantwortung drängender Fragen” haben mich sehr beeindruckt. Nicht unbedingt die Art und Weise der Performance, aber seine Haltung und Reflexion darüber. Noch Fragen?

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